Helga Thiel-Ballien und Tilo Ballien

Tilo Ballien:

Laudatio für Jenny Erpenbeck

zur Verleihung des ver.di Literaturpreises 2013 im Genre Belletristik am 29. April 2014 für ihren Roman „Aller Tage Abend“

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Verehrte, liebe Frau Erpenbeck.

 Ich darf Sie alle im Namen der Jury zur Verleihung des ver.di-Literaturpreises 2013 im Genre Belletristik sehr herzlich begrüßen. Die Jury bestand aus unserer Landesbezirksleiterin, Susanne Stumpenhusen, dem Schriftstellerkollegen Günther Preuße und mir, Tilo Ballien. Bestens betreut wurden wir in unserer Arbeit von der unermüdlichen Anke Jonas, der guten Seele des VS Berlin in ver.di, der wir sehr herzlich danken wollen.

Mehr als 50 Kolleginnen und Kollegen oder deren Verlage reichten Werke zu diesem Wettbewerb ein. Ohne Danksagungen, Anmerkungen und 3 Seiten „Raum für Notizen“ mitzuzählen, waren mehr als 12.000 Seiten zu prüfen. Wir bitten um Verständnis, dass wir nicht jedes Buch wirklich bis zur letzten Zeile (ich sage nicht, bis zum bitteren Ende) lesen konnten. Die Lektüre der Romane, Kurzgeschichten und anderen Texte war zumeist durchaus vergnüglich. Am Ende dieser Arbeit stand ein einstimmiges Votum:

Die Jury verleiht den diesjährigen, mit 5.000 € dotierten ver.di-Literaturpreis an Jenny Erpenbeck für ihren Roman „Aller Tage Abend“.

Warum sind wir zu der Entscheidung gelangt, eine Autorin zu ehren, die schon zahlreiche Auszeichnungen bekommen hat, vom renommierten Jury-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 2001 bis zum Anfang diesen Jahres erhaltenen Hans-Fallada-Preis? Kurz gesagt: Dieser Roman war unstrittig das beste der eingereichten Werke. Nur darum ging es: Der ver.di-Literaturpreis ist weder ein Förderpreis für Nachwuchsautoren, noch eine Ehrung für Verdienste, die sich jemand insgesamt erworben haben mag. Dafür gibt es Ehrenpreise, wie ihn, erstmals verliehen, heute unser langjähriger Vorsitzender, Horst Bosetzky, erhält.

Deshalb also Jenny Erpenbecks „Aller Tage Abend“. Dieser Roman ist nicht nur lesenswert, nicht nur großartig, er ist beglückend.

Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen, und sicher nicht nur zu meinen, gehört das unvergessliche Gefühl, mit einem Buch vor der Nase alles zu vergessen: Die nähere und fernere Umgebung, die Wetterlage, die Freunde, die Eltern und Geschwister, nicht zuletzt die Schule und alles andere, das nach Meinung der Eltern sonst noch eine gewisse Wichtigkeit in unserem Leben hätte einnehmen sollen.

Diese Geborgenheit in der Welt eines Buches! Diese imaginäre Welt, die nur während des aktiven Vorgangs des Lesens in einem selbst entsteht! Und die bei einem zweiten Lesen furchtbarerweise oft nicht wieder herstellbar ist, versunken bleibt und nie wieder zu beleben ist. Woraus Sucht entstehen kann. Sucht nach einer Wiederholung dieses beglückenden Abenteuers.

So in früher Kindheit geprägt, kann es geschehen, dass man sich auf eine lebenslängliche Suche begibt. Auf die Suche nach diesem Glück, dessen Definition sich im Laufe der Zeit allerdings, individuell nuanciert, durch zunehmende Lebenserfahrung und gegebenenfalls erhöhte intellektuelle Ansprüche verändert. Aber wie das im Allgemeinen und Besonderen so ist mit dem Glück: Es macht sich rar. Sehr rar. Aber es kommt vor, und das ist die gute Nachricht.

Jenny Erpenbecks Roman „Aller Tage Abend“ macht glücklich. Er verschafft uns nicht das kindliche Glück eines sich in der Welt des Buches Verlierens. Dieser Roman macht glücklich, weil er uns bereichert und uns das nicht einfach macht.

Was braucht ein Werk, damit es uns beglücken kann?

Ich erwarte zunächst eine nachvollziehbare Handlung. Das ist nicht so selbstverständlich, wie man meinen sollte. Mit nachvollziehbarer Handlung meine ich nicht platten Realismus, also den womöglich ohnehin zum Scheitern verurteilten Versuch, Wirklichkeit abbilden zu wollen. In sich stimmig muss sie sein, die Handlung eines Romans. Und natürlich muss sie mich interessieren, und zwar vom ersten Satz an. Das macht den ersten Satz eines Buches so unglaublich wichtig.

Bei Jenny Erpenbeck lautet der erste Satz ihres Romans „Aller Tage Abend“, ich zitiere: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, hatte die Großmutter am Rand der Grube zu ihr gesagt.“

Da soll man ruhig bleiben können? Unmöglich. Schon nach diesem ersten Satz kann man ein solches Buch nicht mehr aus der Hand legen.

Was steckt nicht alles in diesem ersten Satz! Da ist eine Großmutter, die offensichtlich zu ihrer Enkelin spricht. Ist diese Grube womöglich ein Grab? Ja, ein Grab, erfährt man im zweiten Satz. Wer aber liegt darin? Mutter beziehungsweise Tochter der beiden erwähnten Personen? Vater beziehungsweise Sohn oder Schwiegersohn oder Bruder oder Schwester oder sonst jemand aus der Verwandtschaft, dem Bekanntenkreis, aus der Nachbarschaft, oder gar ein gänzlich Fremder? Und woran ist der Mensch, der da beerdigt wird, gestorben? Welches Schicksal ging diesem Ende voraus?

Schon sind zwei handelnde Figuren eingeführt, sehr vage noch, Figuren, zu denen ich ein Verhältnis aufbauen kann. Schon bin ich begierig, die Antworten auf die Fragen, die dieser erste Satz aufwirft, zu erfahren. Die Großmutter sagt: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen.“ Unwillkürlich ergänzte ich beim Lesen in ostpreußischem Dialekt: „Jelobt sei der Herr!“ Mit Ostpreußen lag ich daneben, aber nur knapp: Der Satz wird, wie wir später erfahren, im Galizien der K.u.K.-Zeit gesprochen.

Uns fällt auf, dass in diesem Satz keine Namen genannt werden, weder der der Großmutter, noch der der Enkelin oder der des oder der Verstorbenen. Das ist programmatisch für den gesamten Roman: Das Personal bleibt weiterhin namenlos. Die durchgängig weiblichen Hauptfiguren werden lediglich durch ihre Verwandtschaftsgrade definiert. Ständig müssen wir Lesende daher konzentriert bleiben. Da diese Familiengeschichte nun über etliche Generationen und rund 90 geschichtsträchtige Jahre hinweg erzählt wird, ist zum Beispiel die Angabe „Tochter“ nicht eindeutig: Jede Frau ist schließlich eine Tochter. Welche ist nun im entsprechenden Kontext gemeint? Erst in unserer heutigen Zeit angekommen, erhalten die Figuren Namen.

Also mitdenken. Auch und gerade der Zwang zu diesem ständigen Mitdenken, zu einer Eigenleistung bei der Lektüre, das war die einhellige Meinung der Jury, erhöht den Lesegenuss und trägt dazu bei, dass uns dieser Roman glücklich machen kann. Lohn der Mühe ist erhöhter Lesegenuss. Denken gehört schließlich zu den schönsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann.

Und nicht nur in Bezug auf die Romanfiguren ist unser aktives Mitdenken gefordert. Da ist, wie bereits im ersten Satz gesagt, jemand gestorben. Zu Anfang also ein Ende. Das Ende eines Lebens, das so und so und nicht anders verlaufen sein muss. Wie aber, wenn es anders verlaufen wäre?

Wir alle kennen diesen Gedanken: Wenn ich damals, wann war es noch, an der Ecke der Soundsostraße nicht nach rechts in die Wieheißtsienochallee abgebogen wäre, wäre ich niemals meiner damals großen Liebe begegnet, wir hätten unseren Sohn X nicht bekommen, der niemals unsere Tochter Y so verhauen hätte, dass die einen Zahn verlor, wodurch ihre Beziehung zu diesem unausstehlichen Knaben Z auseinander gegangen wäre und so weiter und so fort. Ach, wäre ich damals doch vielleicht nach links abgebogen oder lieber geradeaus gegangen. Was wäre mir dann Glückliches oder aber noch Fürchterlicheres begegnet?

Jenny Erpenbeck setzt diesen für banal haltbaren Gedanken in „Aller Tage Abend“ so brillant in Literatur um, dass ich von einem „magischen Realismus“ sprechen muss: Das Leben – ein Konjunktiv. Es hat sich so und so, es hätte sich aber auch ganz anders entwickeln können. „Magisch“, weil nicht unserer alltäglichen Lebenserfahrung  entsprechend; „realistisch“, weil in sich stimmig und nachvollziehbar, was, wie gesagt, eine der Hauptanforderungen an eine Romanhandlung ist. Dieser Erpenbecksche magische Realismus der Handlung, anders als der des großen Gabriel García Márquez, ihm aber in seiner Originalität ebenbürtig, zwingt uns Lesende, trotz allen Mitdenkens, unwillkürlich in eine Art Bann. Dieses Gebanntsein erinnert an das Leseglück der Kindertage.

Liege ich gänzlich falsch, wenn ich denke, dass „Aller Tage Abend“ so etwas wie eine Weiterentwicklung ihres 2008 erschienenen Romans „Heimsuchung“ ist? Dort erzählt Jenny Erpenbeck, wie ihre Figuren in etwa dem gleichen Zeitraum durch die Zeitläufte kommen, welche äußeren und inneren Bedingungen sie schicksalhaft beeinflussen, wohin das Leben sie spült. In „Aller Tage Abend“ erzählt sie nun aber, wohin es sie spülen könnte, wäre ihr Schicksal ein anderes gewesen. Ein Mensch stirbt, und Jenny Erpenbeck erzählt uns, wie dessen Lebensgeschichte weiter gegangen, anders verlaufen wäre, wäre er nicht gestorben. Und das mit einer Glaubhaftigkeit, mit einer inneren Logik, die uns fasziniert und fesselt. Das Leben – ein Konjunktiv. Der Tod ein Zufall wie das Leben auch.

Die Geschichte einer armen jüdischen Familie beginnt im Galizien vor dem 1. Weltkrieg. Antisemitische Pogrome und die Hoffnung auf ein besseres Leben zwingen zur Flucht. Wir gelangen ins Wien der zwanziger Jahre, das stalinistische Moskau der dreißiger und vierziger Jahre, schließlich wieder nach Wien, nach Berlin in die Endzeit der DDR und die ersten Jahre danach. Jenny Erpenbeck teilt diese Handlung in fünf Bücher ein, die bereits veritable, in sich abgeschlossene Romane sind. Sie werden durch „Intermezzi“ verbunden, in denen wir Lesende darauf vorbereitet werden, dass, hoppla, die Geschichte doch weitergehen könnte, wenn sich die Dinge anders entwickelt hätten. Es ist eben noch nicht „Aller Tage Abend“!

Manches verliert sich auch im Ungewissen: Ist der Vater anlässlich des 1. Weltkriegs wirklich, sang- und klanglos die Lebensumstände und Familie fliehend, in die USA ausgewandert, oder ist er vielleicht doch in Charkow gefallen? Eine Frage, die nie geklärt werden kann. Eine Frage, wie sie in vielen realen Familien unbeantwortet bleibt. Gelebte Leben und erinnerte Leben sind selten deckungsgleich. Gewissheit dagegen erlangen für uns Lesende in diesem Roman Gegenstände: eine Standuhr, die als zeitliches Kontinuum eine für die Familie wichtige Geschichte hat, oder die große Goethe-Ausgabe, deren Band 9 bei den Pogromen in Galizien beschädigt wurde und sich im Wien unserer Zeit wiederfindet. Den Romanfiguren bedeuten diese Dinge aber am Ende nichts mehr. Sie sind vergessen.

Wie bei dieser Autorin nach ihren bisherigen, vielfach ausgezeichneten Werken nicht anders zu erwarten (und wie es selbstverständlich immer sein sollte), ist der politisch-historische und soziale Hintergrund dieser Handlung und ihrer Figuren sehr genau recherchiert. Das wäre also nicht weiter bemerkenswert. Bemerkenswert und dankenswert ist vielmehr, dass sie uns diese Rechercheergebnisse nicht aufdrängt: Wir lernen viel und fühlen uns dennoch nicht belehrt! Die politisch-historischen und sozialen Hintergründe sind und bleiben, was sie sein sollen: Hintergrund, beeinflussende Lebensgrundlage der Figuren, aber nicht Hauptthema des Romans. Jenny Erpenbeck greift mit sicherer Hand aus den geschichtlichen Umbrüchen die Situationen heraus, die für die Figuren lebensentscheidend sind bzw. sein könnten. 

Beim Lesen habe ich mir notiert: „Langsam lesen: Es ist so schön geschrieben! Doch Neugier und Leselust treiben voran.“

Damit habe ich beinahe schon alles zur Sprache Jenny Erpenbecks gesagt, aber eben nur beinahe. Immer findet Jenny Erpenbeck die richtig erscheinende Erzählform. Die Sprache entspricht den Figuren und der jeweiligen Zeit der Handlung. Der Schreibstil ist in der Regel knapp. Da ist kein Wort zu viel (was übrigens viel schwieriger zu machen ist als umgekehrt). Auf diese Weise schafft es Jenny Erpenbeck, den so vielschichtigen Roman mit seinen zahlreichen Figuren und dem langen Handlungszeitraum auf nur 283 Seiten zu bewältigen. Trotz dieser Knappheit ist ihre Sprache sehr poetisch, und was besonders wohltuend ist, ohne darum bemüht zu wirken: Magisch, realistisch, ohne jede schriftstellerische Eitelkeit, ohne selbstverliebte Wortspielereien und ohne jede gekünstelte Übertreibung um ihrer selbst willen.

Und dann gibt es da eine Passage des Romans, in der ich nur noch bewundernd tief durchatmen konnte: Ich meine die stilistische Verknappung der Sätze bis hin zur Sprachlosigkeit in der Schilderung der Selbstkritik, der Selbstrechtfertigung, der Selbstverleugnung der Menschen während der stalinistischen Säuberungen in Moskau. Wie das geschrieben ist, das ist einfach großartig!

Davor verneige ich mich, wie ich gern zugebe, nicht ohne einen gewissen, allerdings hochachtungsvollen Neid.

Liebe, verehrte Frau Erpenbeck, ich beglückwünsche Sie zu Ihrem Talent, das durch Ihre Familiengeschichte ererbt sein mag: Schon Ihre Eltern und Großeltern waren literarisch aktiv und erfolgreich. Talent allein aber schreibt keine Romane, schon gar nicht so großartige. So wenig ich tatsächlich über Ihr bisheriges Leben weiß, scheint mir doch, dass Sie aus der Geschichte Ihrer eigenen Familie, aus Ihren vielfältigen, sehr spannenden beruflichen Arbeiten und Ihre am Theater geschulte Beobachtungsgabe einen Erfahrungsschatz und eine tiefe Einsicht in Menschen und deren Leben für sich gesammelt haben. Ich bin dankbar, dass Sie in Ihren Werken diesen Schatz mit uns teilen.

Frau Erpenbeck, danke für das Leseglück, um das Sie uns bereichert haben und das Sie uns sicherlich weiterhin bescheren werden!

Vielen Dank.